Swiss Alps Endurance Run 2017

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Mein erster 80er – Gefinished unter 12 Stunden

Der Swiss Alps Endurance Run 2017 ist der erste Ultra-Marathon mit 80 km Distanz, den ich absolviert habe. Dabei bin ich glücklich, die Strecke mit ca. 2’900 positiven Höhenmetern in weniger als 12 Stunden zurückgelegt zu haben. Genauer gesagt in 11:53:25, was im Gesamtfeld von 50 gemeldeten Läufern und 39 Finishern für Platz 11 reichte.

Startnummer und Finisher-Medallie
Startnummer und Finisher-Medaille

Um dieses Ergebnis in Perspektive zu setzen: Der 1. Platz ging an einen Läufer mit nur 9:11:20.

Am anderen Ende des Spektrums stehen bei den Plätzen 37, 38 und 39 über 16 Stunden auf der Uhr, was eigentlich bereits jenseits der vorgegebenen Cut-Off-Time ist. Allerdings zeichnet dieses Rennen ein sehr familiäres Umfeld aus und damit ist es auch einfach zu erklären, dass das Organisationsteam auch die Läufer mit einer Medaille belohnt, die diese Cut-Offs um 10 oder 15 Minuten gerissen haben. Angesichts der Strapazen, die wir Läufer auf uns genommen haben, ist das sicher die richtige Entscheidung gewesen.

Die erwähnten Strapazen haben im wesentlichen zwei Dimensionen: Länge und Höhe.

Anspruchsvolle Topographie

Die Strecke ist 80 km lang und überwindet einen Höhenunterschied von mehr als 5’700 Metern. Davon sind ca. 2’900 Anstieg und der Rest Abstieg. Mit fünf Verpflegungsposten (plus Start und Ziel) ist der Lauf ausreichend, wenn auch nicht üppig bestückt. Als Teilnehmer sollte man sich dieses semiautonomen Charakters bewusst sein und entsprechend ausgerüstet an den Start gehen.

Streckenprofil mit Verpflegungsposten
Streckenprofil mit Verpflegungsposten

Die Topographie macht die Renntaktik und die Einteilung der Kräfte besonders wichtig.

Startschuss und dann immer der Rhone folgen

Start in Oberwald
Start in Oberwald

Die ersten 31 km von Oberwald bis zum zweiten Verpflegungsposten in Egge haben einen Nettohöhenunterschied von ca. 250 Metern und verführen zum schnellen Tempo. Es geht über breite Wander- und Waldwege, mit geringem technischen Anspruch. Trotzdem gibt es auch hier bereits erste Anstiege, die sich auf diesem Teilstück zu 600 Meter aufaddieren. Wer sich hier verausgabt, wird auf den folgenden 10 km bis zum Breithorn wenig Spass haben.

Entsprechend zurückhaltend sieht meine Renntaktik aus. Nach dem Startschuss um 06:00 in Oberwald lasse ich viele der anderen Läufer an mir vorbei und davon ziehen. Mit einer Vorgabe von maximal 10 km/h (Pace von 6 min/km) bin ich schön zurückhaltend. Den ersten Verpflegungsposten bei Kilometer 19 in Niederwald erreiche ich dann auch so gegen 08:00. Hier lasse ich mir Zeit, fülle meine Flaschen auf und esse ein paar Bissen Banane, bevor ich mich auf den Weiterweg nach Egge mach. Die ganzen 31 Kilometer bis dorthin sind wenig spektakulär und man kann diesen Teil des Rennens auch gut als Aufwärmstrecke ansehen.

Am Verpflegungsposten Niederwald ist das Feld noch etwas dichter
Am Verpflegungsposten Niederwald ist das Feld noch etwas dichter

An den kleinen Steigungen vor Egge reduziere ich mein Tempo ein wenig. Anders als einige andere, laufe ich aber durch und halte meine selbstgewählte Untergrenze von 9.5 km/h. Egge erreiche ich somit etwa gegen 9:20 und an 11. Position im Rennen. Die Nummer 10 hat den Verpflegungsposten etwa 15 Minuten vor mir verlassen. OK – hier beginnt The Swiss Alps Endurance Run …

Das Biest

Auf dem Weg zum Breithorn - Blick auf den Fieschergletscher
Auf dem Weg zum Breithorn – Blick auf den Fieschergletscher

Auf den 10 km von Egge zum Breithorn werden über 1’300 Höhenmeter überwunden und es wird eine Höhe von mehr als 2’400 Meter üNN erreicht. Der Anstieg von ca. 13% ist sehr gleichmässig. Es geht über einen alten Militärweg mit mehr als einem Dutzend Serpentinen in die Höhe. Auch hier folgt man einem breiten, wenig technischen Weg. War es anfangs um 06:00 morgens in Oberwald noch kalt, so ist mir doch auf den ersten 30 km warm geworden. Das wird natürlich mit der Steigung vor mir nicht besser. Immerhin führt die Strecke zu Beginn durch den Wald und man ist so vor der stärker werdenden morgendlichen Sonne geschützt.

Für mich beginnt nun das Gehen, also Stöcke aus dem Rucksack geholt und los marschiert. Es gilt 15 Minuten auf den nächsten Läufer gutzumachen. Dafür habe ich 10 km „Zeit“. Die gleichmässigen Serpentinen liegen mir und ich komme gut vorwärts. Nach gut einer Stunde habe ich die Hälfte dieses Abschnitts geschafft. Etwa 20 Minuten später lasse ich die Baumgrenze hinter mir und mit der morgendlichen Sonne wird es jetzt richtig warm. Es ist jetzt 10:40 und ich sehe den Läufer vor mir. Genauso wie ich geht er die Steigung – allerdings etwas langsamer. Hier zeigt sich mal wieder der Vorteil der Trekkingstöcke, denen ich diesen Geschwindigkeitsvorteil zuschreibe. Der andere Läufer nutzt keine. Kurz nach Kilometer 41, gegen 11:15 erreichen wir gemeinsam die Verpflegungsstation Breithorn und damit das Ende dieses langen Anstiegs. Wie schon vorher nehme ich mir die Zeit, um mich ausgiebig zu Stärken, meine Flaschen nachzufüllen und die Beine zu lockern. Dann geht es weiter auf den Saflisch Pass und in Richtung Rosswald.

Auf dem Weg zum Breithorn - oberhalb der Baumgrenze
Auf dem Weg zum Breithorn – oberhalb der Baumgrenze

Über den Saflischpass nach Rosswald

Auf dem Saflischpass
Auf dem Saflischpass

Nach dem Verpflegungsposten am Breithorn geht es über den Saflischpass nach Rosswald. Auf der Passhöhe erreicht der Swiss Alps Endurance Run mit 2’563 Metern den höchsten Punkt der Strecke. Wie schon im Anstieg genießen die Läufer hier eine phantastische Aussicht.

Nach meiner kurzen Erholung am Verpflegungsposten Breithorn setze ich mich wieder in Bewegung, weiterhin an 10. Position. Nummer 9 hat den Verpflegungsposten früher verlassen und läuft in Sichtweite vor mir. Die Stöcke ungenutzt in der Hand laufe ich los, etwas steif nach dem Anstieg, aber es kommt gut. Nach ein paar Metern ist die Schwere aus den Beinen geschüttelt. Zum Glück geht es erstmal ein Stück abwärts, bevor die Passhöhe erklommen werden will. In meinem läuferischen Duell mit Nummer 9 offenbart sich wieder einmal, dass ich zwar gut die Anstiege schaffe, aber auf ebenen Abschnitten und ganz besonders im Gefälle vergleichsweise schwach bin. So kommt es auch, dass sich der Abstand auf den nächsten 3 Kilometern wieder vergrössert, bevor ich im Anstieg auf die Passhöhe aufschliessen kann.

Von dort geht es nun etwa 4 Kilometer abwärts nach Rosswald und der vierten Verpflegungsstation (Kilometer 50). Ich strenge mich an, um an Nummer 9 dranzubleiben, was mir aber nicht ganz gelingt und wir kommen mit 5 Minuten Abstand in Rosswald an. Wieder lasse ich mir 5 bis 10 Zeit zum Essen, Trinken, Auffüllen und Lockern der Beine. Auch die Aussicht ist grandios, kann man hier doch einen Blick auf die länge des Rhonetals mit Brig und Visp erhaschen. Gemeinsam laufen Nummer 9 und ich wieder los, doch zeigt sich schnell, dass ich das Tempo im folgenden Abstieg mit deutlich höherem technischen Anspruch nicht mithalten kann, oder zumindest nicht sollte, wenn ich die verbleibenden 30 Kilometer mit Spass zurücklegen möchte. Also lass ich ihn ziehen.

Kurz vor Rosswald - Blick auf das Rhonetal
Kurz vor Rosswald – Blick auf das Rhonetal

Nach Rothwald

Wie schon angedeutet, wird der Streckenverlauf nun etwas technischer und ich folge einem Alpenwanderweg, der von Rosswald bei Kilometer 50 nach Rothwald bei Kilometer 64 führt. Neben einigen flachen Passagen, gibt es jetzt immer wieder kurze Anstiege, gefolgt von kurzen, scharfen Abstiegen. Meine Beine werden langsam schwerer und besonders bei den Abstiegen muss ich mich doch nun arg konzentrieren. Nummer 9 ist aus meiner Sichtweite verschwunden und vor dem Ziel werde ich ihn wohl auch nicht wieder sehen.

Kurz vor Rothwald
Kurz vor Rothwald

Bei Kilometer 55 etwa passiert, was passieren musste. Ich bin nun über 7 Stunden am Laufen und mein Versuch das Tempo von Nummer 9 mitzugehen, hat zur Folge, dass meine Beine an Trittsicherheit eingebüsst haben. Ich bin davon überzeugt, es war die einzige Pfütze auf den gesamten 80 Kilometern, in die ich stolpere. Mit einem Bauchplatscher lande ich im Dreck, weil ich mit dem Fuss an einem Stein hängen geblieben bin. Passiert ist nichts – zumindest nicht mir – aber eine meiner beiden Flaschen (Soft Flasks) ist dabei geplatzt. Ich bin hier 5 Kilometer hinter Rosswald und habe noch etwa 10 oder 11 Kilometer bis Rothwald, wo die nächste Verpflegungsstation auf mich wartet. Die Sonne steht am höchsten Punkt und es wird immer nur wärmer in den kommenden Stunden. Diese Strecke muss ich nun dummerweise mit 500 ml Wasser auskommen.

Verpflegungsposten Rothwald
Verpflegungsposten Rothwald

Aber auch diese Strecke geht vorbei und die gelegentlichen Wanderer, die hier unterwegs sind feuern mich an. Ansonsten bin ich alleine unterwegs. Nummer 9 ist sicher schon lange in Rothwald und beim Blick zurück, kann ich nicht sehen, dass mir jemand dicht auf den Fersen wäre. So komme ich nach über neuneinhalb Stunden immer noch an 10. Position nach Rothwald, wo ich endlich wieder ausreichend zu Trinken bekomme. Diese Pause ist dringend nötig.

Auf dem Säumerweg über den Simplon

Die Crew am Verpflegungsposten Rothwald empfängt mich freudig und hier herrscht fast Partystimmung. Hier erfahre ich, dass Nummer 9 bereits etwa eine halbe Stunde vor mir durch gekommen ist. Hier gibt es auch den einzigen Übergang über eine stärker frequentierte Strasse, den die Crew absichert. Nach 10 Minuten Pause und Erfrischung mache ich mich auf den Weg, die letzten 14 oder 15 Kilometer zum Ziel hinter mich zu bringen. Die Crew verabschiedet mich mit dem Hinweis auf den folgenden Streckenverlauf: etwa 4 Kilometer einfacher Weg bergab, dann etwa 3 Kilometer bergauf zur Passhöhe des Simplon und von da an nur noch 9 Kilometer abwärts zum Ziel in Simplon Dorf. So wie die mir das sagen, klingt das, als ob von mir erwartet würde, dass ich die Strecke freudig auf einem Bein hüpfen müsste.

Die letzten Hindernisse auf dem Weg zum Simplon
Die letzten Hindernisse auf dem Weg zum Simplon

Nur nach hüpfen fühl ich mich so gar nicht. Ich kann schon die 4 Kilometer bergab nicht mehr am Stück rennen und füge immer länger werdende Gehpausen ein. Auch wenn es verrückt klingt, aber ich freue mich, als endlich der Anstieg auf den Pass kommt. Technisches Terrain, dass über den alten Säumerweg führt und mir erlaubt meine Stärke auszuspielen: kontinuierliches Tempo an der Steigung. Hier fühle ich mich wieder deutlich wohler. Auf der Passhöhe laufe ich am Alten Hospiz vorbei und nun kommen die letzten 9 Kilometer zum Ziel. Ich weiss, ich habe es geschafft. Jetzt ist es nur noch ein Frage von Zeit – schaffe ich es die restliche Strecke in einer Stunde zu laufen oder muss ich gehen und brauche zwei Stunden?

Das Ziel in Simplon Dorf

Schnell merke ich, ich muss gehen. Der alte Säumerweg führt zwar immer wieder an der neuen Strasse entlang, die die Schweiz mit Italien verbindet, es ist aber ein steiniger Weg. Grundsätzlich würde ich sagen leicht technisch und gut rennbar, nur heute nicht. Meine Beine sind auf dem Weg abwärts nicht mehr in der Lage, mich sicher über dieses Terrain laufend zu tragen. Ich muss gehen. Diese Entscheidung fällt mir um so leichter, als ich sicher weiss, dass ich unter 12 Stunden bleiben werde und damit mein selbstgestecktes Ziel erreichen werde. Unter 11 Stunden wäre halt auch schön gewesen. Aber nicht heute.

Da höre ich einen anderen Läufer von hinten nahen. Es ist Jack, den ich am Vorabend noch im Hotel getroffen habe. Ich muss Jack durchlassen und wünsche ihm noch viel Erfolg, als er an mir vorbeiläuft. Jetzt bin ich Nummer 11.

Mit kurzen Renneinlagen und langen Gehpassagen komme ich so nach Simplon Dorf. Kurz vorm Ortseingang treffe ich auf einen Brunnen und kann nochmal Wasser schöpfen. Eine Flasche für über zwei Stunden ist halt doch zu wenig. Mit dem frischen Wasser im Bauch kommen auch nochmal die Lebensgeister zurück. Vielleicht ist es auch nur, dass ich vermeiden möchte ins Ziel zu kriechen … auf jeden Fall laufe ich den letzen Kilometer durch den Ort und erreiche nach fast 12 Stunden den Sportplatz, wo der Zielbereich aufgebaut ist. Mit 11:53 bin ich 11. in der Gesamtwertung und bekomme von Jakob, dem Organisator des Swiss Alps Endurance Race, die schöne Finisher Medaille umgehängt. Ich bin angekommen.

Im Ziel
Im Ziel

Mein Fazit

80 Kilometer sind kein Pappenstiel. Aber mit der richtigen Vorbereitung kann man das schaffen. In der Gesamtbetrachtung sogar nicht mal schlecht, geht die Spanne doch von etwas mehr als 9 Stunden bis über 16 Stunden für dieses Rennen. Der Kurs ist wunderschön und das Erlebnis einmalig. Ich freue mich schon auf das nächste Jahr und hoffe wieder dabei sein zu können.

Jetzt kommen für mich aber erstmal zwei Wochen Erholung und dann das nächste Abenteuer … 78 Kilometer in den Graubündner Alpen, rund um Davos.

4 Antworten

  1. Toni T.

    Hi Tom

    Genial. Ist sicher was für nächstes Jahr 😉

    Gruss – Toni

    P.S.: falls man sich Morgen nicht sieht, alles Gute!

    • Tom Lellau

      Hoi Toni
      Freut mich, dass es dir gefällt. Ich plane den Event für 2018 auf jeden Fall wieder ein.
      Grüsse
      Tom

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