Innsbruck Alpine Trailrun Festival

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IATF18 – K85

Die österreichische Alpenmetropole Innsbruck bietet seit einigen Jahren mit dem IATF zwei Tage Laufvergnügen über Distanzen von 15 km bis 85 km an.

Im April 2018 durfte ich beim K85 starten, einer Strecke von 85.8 km mit je 3’600 m Aufstieg und Abstieg. Gestartet und gefinished wird in der Innenstadt von Innsbruck. Die besondere Herausforderung kann hier ggf. das Wetter werden. Und so kam es in diesem Jahr dann auch, dass der Veranstalter aus Sicherheitsgründen die Streckenführung anpassen musste. Der viele Schnee im Winter und das aktuell warme Wetter führten zu einer erhöhten Lawinengefahr bei einigen Passagen. Kurzfristig musste daher umgeplant und die Strecke angepasst werden – sicherlich eine immense Aufgabe für den Veranstalter –  für die Sicherheit der Läufer aber ein Muss.

Racebriefing am Vorabend

Am Freitag stehen die Ausgabe der Startnummer und das obligatorische Racebriefing auf meinem Programm. Daneben kann man sich auf der Expo bei zahlreichen Ausstellern über die typischen Produkte für die Trailrunningszene informieren, oder sich vom Rahmenprogramm unterhalten lassen. Meine Frau und ich spazieren ein bisschen durch Innsbruck, sehen uns die Stadt an und geniessen das frühlingshafte Wetter. Vom Inn aus bilden die Gipfel der sogenannten Nordkette einen herrlichen Kontrast zur Silhouette der Stadt.

Innsbruck und die Nordkette
Innsbruck und die Nordkette
Streckenführung IATF18 K85
Streckenführung IATF18 K85

Gegen 18:30 startet die Schupfnudel-Party und gegen 19:15 betritt ein Vertreter des Veranstalters die Bühne, um uns Läufer über die letzten Anpassungen an der Strecke zu informieren. So erfahren wir hier, dass wir wegen der Lawinengefahr z. B. nicht bis zur Mutterer Alm aufsteigen werden, sondern bei geringerer Höhe die Gegend queren werden. Alles in allem bleiben die Anpassungen für die Distanz nahezu ohne Auswirkungen, nur die Höhenmeter werden etwas geringer ausfallen.

Für den Veranstalter bedeuten diese Anpassungen sicherlich eine organisatorische Herausforderung, denn zumindest die Streckenmarkierungen müssen nun kurzfristig geändert werden. Auch neue GPX-Dateien wurden noch kurzfristig zum Download bereitgestellt.

Höhenprofil und Verpflegungsposten beim K85
Höhenprofil und Verpflegungsposten beim K85

Startschuss um 05:00

Kurz vorm Start
Kurz vorm Start

Am Samstag klingelt dann um 04:00 der Wecker und ich schlüpfe in meine bereitgelegten Rennklamotten. Da mein Hotel um diese Zeit nicht in der Lage ist ein Frühstück anzubieten, löffle ich ein Müsli mit Hafermilch, mein kulinarischer Plan B für solche Fälle. Gegen 04:45 bin ich dann am Startbereich, wo beim Passieren der Kontrollen fleissige Helfer das Pflichtgepäck überprüfen. Mobiltelefon, Rettungsdecke, Bandage und Tape, Wasser und zwei Riegel, sowie eine Regenjacke gehören dazu.

Das nervöse piepsen der GPS-Uhren liegt in der Luft und die meisten treten unruhig von einem Fuss auf den Anderen. Im Startbereich kommt bei mir immer das Bild eingepferchter Pferde in den Sinn, die wittern, dass sie bald in die Freiheit entlassen werden. Das ist jedesmal eine ganz besondere Stimmung, die ihren Höhepunkt mit dem Countdown zum Startschuss erlebt.

Knapp 200 Personen (die genaue Starterzahl kenne ich nicht, ins Ziel kommen am Ende 169) setzen sich um 05:00 in Innsbruck in Bewegung. Langsam laufe ich los und achte sehr darauf, dass ich auch tatsächlich langsam bleibe und mich nicht von den Schnelleren mitreissen lasse.

Innsbruck bis Kranebitten

Blick auf Innsbruck von der Nordkette aus (das Bild hat Judith etwa drei Stunden nachdem ich dort war aufgenommen)
Blick auf Innsbruck von der Nordkette aus (das Bild hat Judith etwa drei Stunden nachdem ich dort war aufgenommen)

Vom Start weg geht es in Innsbruck zunächst nach Süden, dann in einer Kurve am Inn entlang wieder Richtung Norden und dann über den Inn. Diese 2 km bleiben mir, um mich warm zu laufen, denn bereits hier erreichen wir den Fuss der Nordkette und die erste Steigung zieht das Teilnehmerfeld auseinander. Eine Gruppe aus offensichtlich erfahrenen Ultraläufern (etliche Finisher-Shirts diverser anderer Ultra-Laufveranstaltungen gibt es hier zu bewundern), beginnt das Tempo zu reduzieren und ich packe meine Stöcke aus. Gemeinsam wandern wir zügig die Steigung hinauf, laufen ein paar Meter, wo der Weg flach ist und erklimmen so die Höhe zum ersten Verpflegungsposten. Auf dem Weg lerne ich etwas über die Tortour de Ruhr und den Helgoland-Marathon, beides Veranstaltungen, an denen einer der Läufer unserer Gruppe teilnehmen möchte.

Nachdem wir auf den ersten 6 km ca. 400 Höhenmeter erklommen haben geht es dann endlich wieder bergab und unsere Gruppe löst sich sozusagen im Galopp auf. Etwa bei Kilometer 12 erreiche ich den zweiten Verpflegungsposten, es wird langsam hell und ich verstaue mein Ärmlinge, Handschuhe und die Stirnlampe.

Kranebitten bis Telfes

Waldweg beim K85
Waldweg beim K85

Von Kranebitten aus geht es auch gleich in die nächste Steigung, zunächst nach Birgitz (in der Nähe von Axams, wo ich vor etwa 45 Jahren das aller erste mal auf Skiern stand) und weiter Richtung Telfes. Wir steigen nicht bis zur Mutterer Alm auf, sondern sind auf geschwungen Wald- und Höhenwegen unterwegs. Das Tempo ist gut und meine Beine zunächst auch noch.

Dann merke ich jedoch, dass mir das ständige auf und ab gar nicht so gut bekommt. Wie ich schon öfter bemerkt habe, bin ich kein besonders guter Bergab-Läufer. Statt einmal ordentlich rauf und dann wieder runter, laufe ich auf welligen Wegen mit kurzen, teilweise knackigen Anstiegen und entsprechenden Abstiegen. Das bricht meinen Rhythmus, die Oberschenkel beginnen zu brennen und am unangenehmsten: die Muskulatur auf dem linken Schienbein krampft, brennt und schmerzt.

Ultra ist, wenn es schwer wird! Ich hab mich entschieden diesen Ultra-Trail zu laufen und ich habe Glück und kann mich einer neuen Gruppe anschliessen, in der wir uns gegenseitig motivieren und mal der eine, mal der andere das Tempo macht. So erreiche ich Telfes und damit den südlichsten Punkt der Route.

Telfes bis Bierstindl

Ankunft am Verpflegungsposten Bierstindl
Ankunft am Verpflegungsposten Bierstindl

Nach Telfes folgen langezogene Wellen, mit einem Nettogefälle zurück nach Innsbruck. Das Problem mit meinem Rhythmus bleibt, das Schienbein wird zwischenzeitlich etwas besser, aber zurück nach Innsbruck sind wir gut unterwegs. Nach etwa 6 Stunden und 45 Minuten erreiche ich den Verpflegungsposten Bierstindl, wo Judith auf mich wartet.

An dieser Stelle möchte ich dem Veranstalter und allen Helfern an den Posten oder der Strecke danken. Ihr wart super.

Impressionen vom Verpflegungsposten Bierstindl 1
Impressionen vom Verpflegungsposten Bierstindl 1 (Apfelschorle, Cola, salziges …)
Impressionen vom Verpflegungsposten Bierstindl 2
Impressionen vom Verpflegungsposten Bierstindl 2 (Iso-Getränk, Holunderschorle, …)
Impressionen vom Verpflegungsposten Bierstindl 3
Impressionen vom Verpflegungsposten Bierstindl 3 (Wasserzapfstelle und Drop-Bags im Hintergrund)

Bierstindl bis Hall in Tirol

Der Biergarten lädt zum Verweilen ein
Der Biergarten lädt zum Verweilen ein

Zwar bin ich nun wieder zurück in Innsbruck, habe aber erst 53 Kilometer hinter mir. Etwa 32 Kilometer warten noch auf mich und daher ignoriere ich die Einladung zum Vesper im Biergarten und setze mich wieder in Bewegung: auf nach Hall in Tirol.

Bis ich Innsbruck nach etwa 2 Kilometern wieder verlassen habe ist alles auch noch ganz einfach. Vom Verpflegungsposten Bierstindl aus sind die ersten 2 Kilometer flach, dann mache ich auf den kommenden 6 Kilometern etwa 300 weitere Höhenmeter. Dort erreiche ich den Verpflegungsposten Herzsee auf etwa halbem Weg nach Hall. Es ist ungefähr der höchstgelegene Punkt auf dieser Etappe – ich erreiche meine Tiefpunkt.

Auf einer Bank neben dem Verpflegungsposten entlaste ich meine Beine und komme mit einem anderen Läufer ins Gespräch. Er hat Krämpfe in der Leiste und gerade seine Nummer abgegeben. Aufgeben. DNF (Did not Finish). Die immerwährende Verlockung wenn es schwer wird. Er wird sich diese Entscheidung nicht leicht gemacht haben.

Ich merke, wie der Gedanke, meine Startnummer abzugeben, in meinem Kopf einzieht. Mein Schienbein schmerzt. Die Beine sind schwer. Es ist ziemlich warm, fast schon heiss, heute. Eine gute Ausrede nach der anderen schwirrt mir durch den Kopf. Da fällt mein Blick auf mein Glücksarmband mit der Gravur: What ever – never give up.

Nach weiteren 6 Kilometern erreiche ich Hall in Tirol.

Der schwere Weg zurück nach Innsbruck

Laut meiner GPS-Uhr habe ich auf den ersten 10 Kilometern von Hall nach Innsbruck etwa 500 Höhenmeter gemacht. In total sind es bis hierher ca. 78 Kilometer. Für diese 10 Kilometer habe ich über zwei Stunden gebraucht. Zwar ist Aufgeben schon lange keine Option mehr, schliesslich weiss ich, den Rest der Strecke schaffe ich – irgendwie.

Dort wo es im weichen Waldboden bergab geht laufe ich wieder. Bis etwa drei oder vier Kilometer vor dem Ziel. Hier treffe ich auf einen Läufer, der ebenfalls mehr geht als läuft. Genauer gesagt: ab hier nur noch geht. Ich schliesse mich ihm an und wir unterhalten uns über Schuhe, andere Laufveranstaltungen und schwere Beine. Schliesslich überqueren wir den Inn, die gleiche Brücke, die wir heute morgen kurz nach 05:00 mit leichten Beinen hinter uns gelassen haben. Jetzt ist es zwölfeinhalb Stunden später. Meine Frage, ob er die letzten Meter wieder läuft, verneint er mit dem Hinweis auf seinen Magen mit den Worten: Nee, ich will denen nicht ins Ziel kotzen.

Glücklicherweise ist mein Magen etwas robuster und vom Applaus der Passanten lasse ich mich den letzten Kilometer ins Ziel tragen.

Die letzten Meter
Die letzten Meter
Geschaft
Geschaft

Fazit

K85 - Finisher Urkunde
K85 – Finisher Urkunde

Das IATF ist eine tolle Veranstaltung mit den Vorzügen einer tollen Gegend, die wie gemacht ist fürs Trailrunning. Durch die diesjährigen Anpassungen der Strecke ist vielleicht der alpine Charakter etwas zu kurz gekommen, mit 85 Kilometern und 3’270 Höhenmetern auf der Uhr, war der K85 aber genau die richtige Herausforderung für mich. Ultra ist, wenn es schwer wird. Dieser Lauf war ziemlich ultra für mich, noch nie war ich gedanklich so nah am DNF.

Um so glücklicher bin ich, dass ich durchgehalten habe und einmal mehr auf meinen Dickkopf gesetzt habe. Es geht, wenn man will. Mit 12:38 finishe ich den K85 auf Platz 95, bzw. 33 von 54 in der AK. Das ist nicht die Zeit, die ich mir ursprünglich mal als Ziel gesetzt hatte, unter 12 Stunden wären schon toll gewesen. Andererseits habe ich meinen grippebedingten Trainingsrückstand soweit aufgeholt, dass ich einen solchen Ultra überhaupt beenden kann. Als Vorbereitung auf die nächste Herausforderung ist das ein wichtiger Schritt.

Am 02. Juni gehts dann zum Schwarzach Ultra Trail, erneut 84 Kilometer, diesmal aber 5’000 Höhenmeter mit sechs Gipfelanstiegen.

 

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