Eiger Ultra Trail 2016 – Mein erster Ultra

Veröffentlicht in: Tales from the Trails | 0

Platz 26 beim Eiger Ultra Trail über 51 km

 

Urkunde_E51_2016

 

Am Samstag, den 16. Juli 2016 habe ich den E51 beim Eiger Ultra Trail mit dem 26. Platz in meiner Alterskategorie beendet.

Mit 7:43 konnte ich meine Zielzeit von 10 Stunden deutlich unterbieten und mich glücklich schätzen, meinen ersten Ultra Marathon auf einer anspruchsvollen Strecke geschafft zu haben. Aber gehen wir nochmal ein Stück zurück …

 

Der Spleen eines End-Vierzigers

Vor etwa drei Wochen, kurz vor dem Start meines Vorbereitungslaufs am Aletsch-Gletscher, fragte mich meine Frau Judith, ob ich nervös sei … ich war es nicht. Ich hatte mich gut vorbereitet und die Strecke war mir bekannt. In Trainingsläufen bin ich die Originalstrecke abgelaufen und wusste daher sehr genau, wie der ganze Lauf einzuschätzen war und, vielleicht das Wichtigste, dass ich die Strecke in der von mir angepeilten Zielzeit erfolgreich schaffen kann.

Und jetzt ist es soweit. Mit dem Startschuss zum E51, die mit 51 km Länge und 3’100 Höhenmetern (sowohl positiv, als auch negativ) kleine Variante des Eiger Ultra Trails, nehme ich meinen allerersten Ultralauf unter die Füsse. Diesen Lauf heute unter 10 Stunden zu schaffen, ist für mich der erste wichtige Meilenstein auf dem Weg zum UTMB (Ultra Trail de Mont Blanc, 170 km, 10’000 Höhenmeter). Und ich bin nervös. Zwar bin ich sicherlich gut vorbereitet und fit, allein in den letzten 6 Wochen vor dem E51 bin ich in 25 Trainingseinheiten 463 km gerannt und habe dabei 11’140 Höhenmeter überwunden, aber dennoch ist dieses Kaliber Respekt einflössend. Zu gross ist der Grad der Neuheit für mich, bestehend aus Distanz, Höhe und daraus resultierender Dauer – hier wird sich entscheiden, ob das Laufen über Ultramarathon-Distanzen für mich nur ein Spleen ist, oder nicht.

 

Strecke und Profil sind für einen Ultra-Neuling eine Herausforderung

Streckenplan E51
Streckenplan E51

Die Strecke des E51 führt im Angesicht des Eigers von Grindelwald über die Grosse Scheidegg, First, Oberläger Bussalp hinauf zum Faulhorn und dann über Schynige Platte nach Burglauenen und zurück nach Grindelwald.

 

Streckenprofil E51
Streckenprofil E51

Aus dem Streckenprofil habe ich mal folgende Schätzungen abgeleitet:

  1. 8 km, ca. 10-12 % Steigung (zur Gr. Scheidegg)
  2. 10 km, ca. 4 % Steigung
  3. 3 km, ca. -10% Steigung (zur Oberläger Bussalp)
  4. 3 km, ca. 20% Steigung (zum Faulhorn, Bergpreis)
  5. 11 km, ca. -7% Steigung (zur Schynige Platte)
  6. 9 km, ca. -11% Steigung (nach Burglauenen)
  7. 7 km, ca. 3 % Steigung (zum Ziel in Grindelwald)

 

Mein persönliches Ziel für den E51 ist es laufend und lächelnd ins Ziel zu kommen. Und das unter 10 Stunden. Mit meiner Abschätzung aus dem Streckenprofil und möglichen Zeiten für die einzelnen Abschnitte, sollte sogar eine Zeit um die (oder besser sogar unter) 7 Stunden möglich sein. Also irgendwo zwischen 7 und 10 Stunden, so die Theorie. 😉

 

Der Ultra beginnt am Vortag

Da gehts lang
Da gehts lang
Goody-Bags für die Starter
Goody-Bags für die Starter

Start der Läufe (insgesamt starten ca. 2’400 Personen in den Kategorien E16, E35, E51 und E101) ist am Samstag, doch das Event beginnt schon am Vortag mit der Startnummernausgabe, Kontrolle des Pflichtmaterials, dem obligatorischen Briefing durch die Rennleitung, einem Kids-Race und der Pasta-Party. Letztere fiel für meinen Geschmack etwas knauserig aus. Ok, ich bin verfressen, aber sicher nicht der einzige, der gerne einen Nachschlag gehabt hätte.

Kontrolle des Pflichtmaterials
Kontrolle des Pflichtmaterials

Die Kontrolle des Pflichtmaterials und die Startnummernausgabe waren tadellos organisiert und sind für mich ohne Probleme gelaufen. Mit der Startnummer in der Hand steigt dann auch die Vorfreude auf den Lauf – oder halt die Nervosität. Beides wird beim Briefing auf dem zentralen Dorfplatz in Grindelwald weiter angeheizt. Zwar ist die Wetterprognose für den grossen Tag nahezu perfekt: Klarer Himmel, Sonnenschein und Temperaturen zwischen 5 und 20°C (je nach Tageszeit und Höhenlage). Da es aber an den Tagen davor geschneit hatte, hat sich in den Lagen oberhalb 2’000 m eine Schneedecke gebildet. Besonders zwischen Faulhorn und Schynige Platte werden wir über eine geschlossene Schneedecke laufen – mehr oder weniger stark aufgeweicht und mit Schneematsch und Pfützen durchsetzt. Ich bin nur froh, dass ich mich entschieden habe Gamaschen und Treckingstöcke mitzunehmen.

 

Startnummer 1283
Startnummer 1283

 

Am Tag des grossen Laufs ist um 03:00 die Nacht zu Ende

Der Startschuss für den E51 fällt um 06:45. Das Hotel, in dem ich in Grindelwald übernachte ist nur 3 Minuten vom Startgeländer entfernt und deshalb stelle ich meinen Wecker auf 05:00. Damit habe ich ausreichend Zeit gut zu frühstücken und alles zu erledigen, um ruhig und entspannt zum Start zu kommen. Im selben Hotel übernachten aber auch ca. 20 Starter aus der Kategorie E101. Und deren Lauf startet um 04:30. Also ist so ab 03:00 eine zunehmende Unruhe im Hotel, weil die natürlich entsprechend früh frühstücken und zum Start aufbrechen. Immerhin kann ich noch etwa 2 Stunden dösen und schaffe es zu entspannen.

Als dann um 05:00 der Wecker klingelt bin ich zwar wach, aber noch so im Halbschlaf, dass zumindest an Nervosität nicht zu denken ist. Auch ein Vorteil.

 

Startschuss um 06:45

kurz vor dem Start
Kurz vor dem Start

Gegen 06:30 bin ich am Startgelände und warte darauf, dass das Abenteuer E51 beginnt. Noch ist es frisch, aber der blaue Himmel lässt schon erahnen, dass es ein brillanter Tag werden wird. Hinter dem Startgelände thront der namensgebende Berg, der Eiger, den ich heute noch aus unterschiedlichen Perspektiven sehen werde.

Am Start habe ich dann noch Michi, einen Bekannten vom Muttenz Marathon im April, getroffen. Michi hat, im Gegensatz zu mir, einiges an Erfahrung bei solchen Läufen. So z. B. die Gewissheit, dass nach dem Startschuss die ersten losrennen werden, als ginge es nur um einen 10 km Lauf und nicht um einen anspruchsvollen Berglauf. So kommt es dann auch und als der Startschuss fällt, rennen die ersten tatsächlich los, wie von der Tarantel gestochen. Eigentlich gar kein Problem, nur stecke ich mittendrin und lasse meinem Adrenalin freien lauf, mit dem Effekt, dass ich ebenfalls schneller losrenne, als ich das eigentlich für mich geplant habe.

Die folgende kurze Videosequenz gibt einen kleinen Eindruck von dieser Situation.

 

Die Helfer an den Posten sind grossartig

Auf dem Weg zur Grossen Scheidegg
Auf dem Weg zur Grossen Scheidegg

Nach den ersten 3 km kommt auch schon der erste knackige Anstieg und die Masse verfällt in zügiges Gehen. Hier hole ich meine Treckingstöcke aus dem Rucksack und gehe mit „Vierradantrieb“ weiter, wie nach meiner Einschätzung die grosse Masse der Mitstreiter auch. Meine Stimmung ist gut und ich fühle mich stark. Meine Beine sind noch frisch und durch die Unterstützung mit den Stöcken habe ich zunächst noch das Gefühl, dieser Anstieg könne noch ewig so weitergehen.

Auf der Grossen Scheidegg angekommen habe ich meine beiden Flaschen bereits leer getrunken und möchte sie am Verpflegungsposten mit einem Elektrolytgetränk nachfüllen. Die Helfer sind fantastisch, kaum am Posten angekommen nimmt mir einer meine Flaschen ab, füllt nach und steckt mir die vollen Flaschen wieder in den Rucksack. An dieser Stelle ein grosses Dankeschön an alle Helfer auf der Strecke an diesem Tag.

 

Zweites Zwischenziel: First und weiter zum Bachalpsee

Auf dem Weg zum First
Auf dem Weg zum First*
vom First zum Bachalpsee
Vom First zum Bachalpsee

 

Nach dem Anstieg zur Grossen Scheidegg folgt eine schöne Passage auf guten Wegen, die wieder toll zu rennen sind. Und es geht zum nächsten Zwischenziel: dem First. Dort komme ich nach 2:01 an und kann am Verpflegungsposten erneut meine Flaschen auffüllen und treffe Judith, die mir am Wegrand zuwinkt und der ich einen Grossteil der Bilder verdanke. Meine Zwischenzeit ist ca. 45 min schneller als erwartet und ich laufe und laufe. Und jetzt kommt ein Stück mit Gefälle in Richtung Bachalpsee.

Was sich hier schon abzeichnet: wir kommen in die Schneelagen.

das erste Stück nach dem First
Das erste Stück nach dem First

 

Abwärts zum Bachalpsee
Abwärts zum Bachalpsee

 

Panoramaalarm
Panoramaalarm

 

Durch den Schnee zum Faulhorn

Nach dem Passieren der Senke am Bachalpsee kommt der Aufstieg zum Faulhorn. Hier geht es ca. 3 km durch den Schnee und ich freue mich auf diese Passage. Genau solche Bedingungen konnte ich in meiner Vorbereitung super trainieren. Nach insgesamt 04:01 erreiche ich den Gipfel des Faulhorns und kann erneut meine Flaschen am Verpflegungsposten auffüllen.

Ich konnte auf meinen Testläufen schon ausprobieren, wie ich auf die Energiegels und -riegel reagiere. Ich will hier nicht gross was zum Geschmack erzählen, aber  sie helfen mir tatsächlich. Insbesondere die Gels haben auf mich eine echt positive Wirkung. Das Dumme ist nur, wenn man bereits drei davon durch den Hals gewürgt hat, rutscht das Vierte nicht leichter runter. Mein Gel ist geschluckt und ich mache mich etwas unvorsichtig auf, den Verpflegungsposten zu verlassen. Da haut es mich doch auf einer Eisplatte dummerweise auf den Hintern und ich kratze mir am Fels den rechten Unterarm auf. Ein Tag ohne Bluten ist ein Tag ohne Abenteuer. Weiter gehts.

 

Der Abstieg zur Schynige Platte wird durch den Schnee anspruchsvoll

Bis hierher liege ich super in der Zeit und bin sogar ca. 30 Minuten schneller als ich das mal geplant habe. Aber jetzt geht meine geplante Renntaktik Bach ab. Durch den Schnee ist der Abstieg zur Schynige Platte technisch sehr anspruchsvoll und statt der ca. 10 km/h, die für dieses Stück geplant waren, komme ich teilweise nur halb so schnell vorwärts. Normalerweise sollte man meinen, hat man dafür dann mehr Gelegenheit die Gegend zu geniessen, was aber auch nicht geht, da der Trail all meine Aufmerksamkeit fordert. So kommt es, dass ich meinen Vorsprung von 30 Minuten gegenüber meiner Planung bis zur Schynige Platte komplett aufzehre.

Immerhin wird der Weg dann auch wieder frei von Schnee und mit dem Panorama von Eiger, Mönch und Jungfrau im Rücken geht es zur vorletzten Verpflegungsstation.

Kurz vor Schynige Platte
Kurz vor Schynige Platte (Eiger, Mönch und Jungfrau im Hintergrund)*

 

Die Beine werden auf dem Weg nach Burglauenen hart geprüft

Nach einem weiteren Verpflegungsstop (Schynige Platte) geht es 9 km steil Bergab nach Burglauenen. Auch stelle ich fest, dass ich beim Ausarbeiten meiner Renntaktik den steilen Bergtrail komplett unterschätzt habe. 9 km bei ca. 11% Gefälle schreddert die Oberschenkel förmlich. Auch auf diesem Abschnitt komme ich nichtmal auf die Hälfte meiner geplanten 10 km/h. Meine Zwischenzeit in Burglauenen ist dann auch mit 06:55 ca. 45 Minuten hinter meiner geplanten Idealzeit (nach Idealer Planung wäre ich zu dieser Zeit bereits im Ziel). Am letzten Verpflegungsposten heisst es daher für mich zügig die Flaschen füllen und weiter.

 

Die letzten 7 km bis zum Ziel

Einbiegen auf den Zielbereich in Grindelwald
Zielbereich in Grindelwald*

Auf dem letzten Stück finde ich irgendwie nochmal die Kraft mich zu alter Form zusammenzureissen. Es gelingt mir sogar einige andere Läufer zu überholen. Den letzten Anstieg kurz vorm Ziel schaffe ich rennend, wenn auch langsam und die Zuschauer, die hier bereits stehen und einem zujubeln, motivieren mich nochmal Gas zu geben. So komme ich mit einigem Elan in den Zielbereich, wo der Applaus weiteres Adrenalin freisetzt. Keine Schmerzen, keine Müdigkeit, einfach nur rennen.

Die letzten Meter bin ich von den körpereigenen Endorphinen so geflutet, dass ich in der Euphorie das Gefühl habe, ich könnte ewig so weiterrennen. Überglücklich habe ich dann mit 07:43 das Ziel erreicht. Mein primäres Ziel, meinen ersten Ultra unter 10 Stunden zu schaffen und dabei das Ziel rennend und lächelnd zu erreichen hab ich geschafft. Was meine Renntaktik betrifft, habe ich sicherlich dazugelernt, dass 7 Stunden für mich realistisch sein könnten war ohnehin schwer vorstellbar. Für den nächsten E51 ist das dieses Zeitlimit für mich aber gesetzt.

Zum Abschluss hier noch ein paar Impressionen aus dem Ziel …

 

 

Finisher Foto mit Eigernordwand im Hintergrund
Finisher Foto mit Eigernordwand im Hintergrund*

 

Geschaft
Geschaft

*) Bilder gemacht von AlphaFoto, von mir erworben am 21.07.2016

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site is protected by reCAPTCHA and the Google Privacy Policy and Terms of Service apply.