Detox-Kuren – alles Blödsinn, oder was?

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Das Versprechen von schneller Entgiftung und Gewichtsreduktion

Wenn man sich den Blätterwald am Kiosk oder die Werbebanner einschlägiger Websites ansieht, dann stolpert man früher oder später über sie: die Detox-Kur für die schnelle Entgiftung, das schnelle Abnehmen, den strahlenden Glanz der Haut. Man bekommt doch glatt den Eindruck, Detox-Kuren sind die ultimative Allzweckwaffe zum totalen Wohlbefinden. Als jemand, der einigermassen mit der menschlichen Physiologie vertraut ist, stellt sich mir die Frage, wie wir Menschen diese ganze Evolution so erfolgreich hinter uns gebracht haben, all die langen Jahre ohne Detox-Kuren. Schliesslich scheint der ganze Stoffwechselapparat, bestehend aus Leber, Niere, Haut, Lymphsystem und vielen weiteren hochentwickelten Gewebetypen ja nicht zu reichen.

Findige Wohlfühlgurus entwickeln eine Detox-Kur nach der anderen, nur um uns armen, gebeutelten Menschen das Wohlbefinden zurückzubringen. Oder haben die Wohlfühlgurus doch was anderes im Sinn?

Die Detox-Industrie definiert sich ihren Markt selbst

Der Begriff Detox leitet sich von Detoxifikation (Entgiften) ab. Im Allgemeinen sind Detox-Kuren kurzfristige Massnahmen zur schnellen Korrektur eines unerwünschten Zustands. Dieser unerwünschte Zustand kann der Kater einer durchzechten Nacht sein, allgemeine Stresssymptome, Übergewicht, glanzloses Haar und vieles mehr. Vieles aus der Kategorie Ok, ich habs mir angetan, wie kann ich jetzt die Spuren verwischen?

So weitgefasst wie die Anwendungsbeispiele, so offen ist der Begriff Toxin in dieser Industrie. Während in der konventionellen Medizin Drogen (z. B. auch Alkohol) als Toxin angesprochen werden und Entgiftung dann den Entzug dieser Drogen meint, ist die Definition der Detox-Industrie sehr viel nebulöser: hier wird Toxin zum Überbegriff für allerlei Stoffe aus der Umweltverschmutzung, Chemikalien, Schwermetalle, verarbeitetes Essen und andere potentiell schädliche Produkte des modernen Lebens. Die Detox-Industrie behauptet damit Chemikalien (Stoffe im weitesten Sinne) nett und gebrauchsfertig in die Kategorien gut und böse einteilen zu können. In Realität gilt aber immer noch: Die Dosis macht das Gift.

Angebliche positive Wirkungen von Detox-Kuren sind bis heute nicht belegt

Auf meiner Suche nach wissenschaftlichen Untersuchungen zum Thema Detox-Kuren und deren positiven Wirkung habe ich nichts relevantes finden können. Es gibt einfach keine klinischen Studien, die die versprochenen Wirkungen in irgendeiner Weise belegen. Ich konnte einen Review ausfindig machen, der 2015 im Journal of Human Nutrition and Dietetics erschienen ist und den ich im Folgenden zusammenfasse. Die Autoren haben unter dem Titel Detox diets for toxin elimination and weight management: a critical review of the evidence die verfügbare Literatur dazu zusammengetragen. Das Urteil: es gibt keine relevanten klinischen Untersuchungen von Detox-Kuren. Die wenigen veröffentlichten Studien weisen signifikante methodologische Einschränkungen auf, so die Autoren des Reviews.

Im Weiteren gehen die Autoren auf vier Fragen ein:

  • Welche Chemikalien sind das genau, denen wir ausgesetzt sind und sind sie tatsächlich bei den gegenwärtigen, typischen Konzentrationen schädlich?
  • Kann Ernährung tatsächlich eine Rolle in der Entgiftung spielen?
  • Sind Detox-Kuren für eine Gewichtsreduktion nützlich?
  • Gibt es gesundheitliche Risiken durch Detox-Kuren?

Grund zur Sorge wegen Chemikalien, denen wir ausgesetzt sind

Gegenwärtig sind etwa 80’000 unterschiedliche Chemikalien in der EU und den USA in der Verwendung. In den USA werden jährlich ungefähr 2’000 neue Substanzen in Lebensmitteln und in für Endverbraucher bestimmten Produkten eingeführt. Es ist ausreichend gut dokumentiert, dass sich einige synthetische Chemikalien im menschlichen Körper anreichern und bei entsprechend hoher Dosis eine negative Wirkung entfalten können.

Persistente organische Schadstoffe (POP vom englischen persistent orcanic pollutants) sind ein Beispiel für Industriechemikalien, die sich im menschlichen Fettgewebe anreichern. POPs hatten sehr vielseitige Anwendungen in Feuerlöschern, Pestiziden, Farben, Kühlmitteln und Schmierstoffen. Nachdem mehrere Studien POPs u. a. mit neurologischen Defekten, kardiovaskulären Erkrankungen und Krebs in Verbindung gebracht haben, wurden POPs in der EU, den USA und Australien seit 1970 nach und nach verboten. Seit dem sind die Konzentrationen an POPs im Ökosystem rückläufig, wenn auch noch nicht ganz eliminiert. Ein besonderes Beispiel für die POPs sind PCBs (Polychlorierte Biphenyle), die trotz früher Restriktion in den 70ern (EU, USA, Australien) und späterem (2001) weltweitem Bann durch das Stockholmer Übereinkommen, heute defacto ubiquitär nachweisbar sind. Das heisst auch in menschlichem Fettgewebe, Blutproben und Muttermilch. Eine Studie der European Food Safety Authority in 2012 kommt zu dem Schluss, dass beinahe alle Lebensmittel nachweisbare Mengen an POPs enthalten, diese allerdings gegenüber einer Studie von 2002 – 2004 rückläufig sind. Besonders betroffen sind demnach Fisch, Fleisch und Milcherzeugnisse. Ob und inwieweit die heutigen nachweisbaren Mengen an POPs gesundheitsschädlich sind, ist unklar. Ein Panel zusammengesetzt aus Experten der UN und WHO kam 2012 zu dem Schluss, dass es nur schwache Belege für negative Wirkungen gäbe.

Eine weitere Stoffgruppe, der wir für gewöhnlich ausgesetzt sind, bilden die Phthalate. Eingesetzt werden sie in Kosmetika, Verpackungen (z. B. auch für Nahrungsmittel), Kunststoffspielzeug, aber auch den Kapsel, die für Nahrungsergänzungsmittel (Supplements) verwendet werden. In Tierversuchen mit Phthalaten wurden Reproduktiv- und Entwicklungsstörungen  nachgewiesen. Bisphenol A, das in Kunststoffverpackungen für Nahrung und Getränke verwendet wird, wird ebenfalls mit einer Vielzahl an Gesundheitsproblemen in Verbindung gebracht. Darunter  kardiovaskuläre Erkrankungen und Diabetes, aber auch die Beeinflussung des Hormonhaushalts.

Auch natürlich vorkommende Substanzen haben das Potential giftig zu sein oder andere negative Wirkungen zu entfalten. Pilze, besonders Schimmelpilze sind hier zu nennen, deren flüchtige Metabolite durchaus unangenehme gesundheitliche folgen haben können. Auch sind eine ganze Reihe an pflanzlichen und tierischen Allergenen bekannt. Ein weiteres Beispiel ist Jod, ein natürlich vorkommendes und essentielles Element, das aber zu Schilddrüsenfehlfunktionen führen kann. Der Review führt ein Beispiel aus Australien an, wo ein Lebensmittel aus einem Extrakt aus Seetang gefährlich hohe Konzentrationen an Jod aufgewiesen hat.

Metalle bilden die letzte Gruppe der hier diskutierten Substanzen, die das Potential haben, gesundheitsschädigend zu sein. Beispiele für diese Stoffgruppe sind Quecksilber, Blei, Cadmium, Arsen und Aluminium. Die Konzentrationen, die als schädlich betrachtet werden müssen, variieren von Metall zu Metall. Im Fall von Blei nimmt das Center for Disease Control and Prevention (USA) die Haltung ein, dass es keine Konzentration gibt, die als unbedenklich betrachtet werden kann, zumindest für Kinder. Für Arsen stellt die WHO in einigen Regionen der Welt, z. B. in Bangladesh, problematische Konzentrationen im Grundwasser fest. Konzentrationen, die Werte von 50 – 100 μg je Liter übersteigen, werden als gesundheitsschädlich, geringere Werte werden als ungefährlich eingestuft. Quecksilber ist wohl bei den meisten Menschen nachweisbar, aber in so geringen Mengen, das nicht von gesundheitlichen Schädigungen ausgegangen wird. Aluminum ist in Nahrungsmitteln, Luft und Wasser nachweisbar. Die als von der WHO als unbedenklich eingestuften Grenzwerte liegen bei 30 mg je kg Körpergewicht und Tag. Ein Wert, der schwerlich erreicht wird. Gleiches gilt für Cadmium, dem wir in erster Line in Nahrungsmitteln begegnen. Auf Basis dieser Zusammenstellung schliessen die Autoren des Reviews, dass es unwahrscheinlich sei, dass eine durchschnittliche Person von einer Metallentgiftung profitieren wird.

Die Rolle der Ernährung beim Entgiften

Der menschliche Organismus hat eine ganze Reihe an wirksamen Mechanismen entwickelt, um Toxine wieder loszuwerden. Eine Rolle spielen hierbei Leber, Nieren, Magen-Darmtrakt, die Haut und die Lunge. Der konkrete Weg der Eliminierung hängt dabei stark von der jeweiligen Chemikalie ab. Oft sind es chemische Umwandlungen in Verbindungen mit geringerer Toxizität, Erhöhung der Wasserlöslichkeit, um besser über die Niere ausgeschieden werden zu können oder Konjugation mit anderen Molekülen, die eine gastrointestinale Verarbeitung und schliesslich das Ausscheiden ermöglichen.

Einige Chemikalien können allerdings nicht oder nur unzureichend über diese Wege eliminiert werden. Dazu gehöhren POPs und einige Metalle. POPs sind lipophile Moleküle, damit nicht oder nur schwer wasserlöslich und lagern sich im Fettgewebe ab, wo sie sich über die Jahre aufsummieren. Der Abbau dort dauert Jahre. Für das weithin bekannte Pestizid DDT liegt die Halbwertszeit bei 7 – 8 Jahren. Bei Metallen ist die Akkumulation von ihren organisch-chemischen Eigenschaften abhängig und liegt im Fall von Quecksilber im Blut bei ca. 57 Tagen, im Fall von Blei im Knochengewebe irgendwo zwischen 20 und 30 Jahren.

Es gibt zwar gegenwärtig keine Beweise für die Wirksamkeit von kommerziellen Detox-Kuren bei der Eliminierung von toxischen Substanzen aus dem menschlichen Organismus, wohl aber Hinweise aus ersten Studien, dass einzelne Nahrungsinhaltsstoffe entgiftende Eigenschaften haben können. Angesichts der Vielzahl an synthetischen Chemikalien, denen wir tagtäglich ausgesetzt sind, betrachten die Autoren des Reviews dies als interessantes Forschungsgebiet, auf dem allerdings noch viel Arbeit geleistet werden muss.

Vielversprechende Nahrungsmittel sind Koriander, Apfelsäure (z.B. in Trauben und Wein), Zitronensäure (in Zitrusfrüchten), Bernsteinsäure (in Blaubeeren, Rhabarber, Tomaten), Zitruspektin (in der Schale von Zitrusfrüchten) und Chlorella (eine Grünalgenart) die allesamt mehr oder weniger starke Chelatbildner sind. Wie eine Krebsschere (griech. Χηλή, chele für Krebsschere) nehmen diese Moleküle Metalle (genauer deren Ionen) in die Zange, erhöhen dadurch deren Wasserlöslichkeit und können so die Eliminierung erleichtern. Für Chlorella konnte auch eine Unterstützung beim Abbau von POPs nachgewiesen werden. Einmalig mit Dioxin gefütterte Mäuse scheiden bei einer Ernährung mit Chlorella, in der ersten Woche nach der Dioxingabe, die 9-fache Menge Dioxin aus wie bei einer Ernährung ohne die Grünalge. Nach der fünften Woche war der Dioxingehalt im Kot noch 3-fach erhöht. Gleichzeitig war eine geringere Akkumulation des Dioxins in der Leber nachweisbar.

Phthalate und Bisphenol A haben nur eine Halbwertszeit von weniger als 12 Stunden im menschlichen Organismus. Hier kann es also nicht um eine Detox-Kur im Sinne einer Eliminierung gehen. Hier macht nur die Vermeidung Sinn, diese ist aber nahezu unmöglich. Der Review zitiert hierzu zwei Studien, bei denen die Probanden komplett auf frische, biologisch-organisch erzeugte Nahrungsmittel umgestellt wurden. Gleichzeitig wurden Plastikflaschen vermieden. Im einen Fall sind die Konzentrationen an Phthalaten und Bisphenol A im Urin nach drei Tagen um über 50 % gesunken. Im anderen Fall sind sie stark angestiegen. Eine genauere Analyse hat ergeben, dass im zweiten Fall Koriander und Milch verzehrt wurden, die hohe Konzentrationen an Phthalaten hatten. Das ist ein Hinweis darauf, wie schwierig es ist einer Plastikkontamination zu entgehen, sogar mit frischem Essen aus vermeintlich biologisch-organischer Produktion.

Detox-Kuren und Gewichtsreduktion

Die Autoren des Reviews konnten keine Studien ausfindig machen, die die Effektivität kommerzieller Detox-Kuren bei der Gewichtsreduktion untersucht hätten. Daher extrapolieren sie ausgehend von Studien für andere Diäten. Man kann als gesichert ansehen, dass die Erfolgsrate von Diäten im Allgemeinen bei 20% liegt. Eine mögliche Ursache für diese geringe Erfolgsrate wird darin gesehen, dass die Restriktion von mit der Nahrung zugeführter Energie die Expression bestimmter Neuropeptide im Hypothalamus beeinflusst. Diese Veränderungen verursachen zunächst Appetit und reduzieren den Grundumsatz, was das Durchhalten und den Erfolg einer solchen Diätform massiv negativ beeinträchtig. Dann folgt ein Anstieg des Stresshormons Cortisol und damit subjektiv empfundener Stress, was wiederum verantwortlich für sogenannte Hunger- oder Fressattacken sein kann.

Detox-Kuren mit einer verminderten Energiezufuhr können einen kurzfristigen Einfluss auf das Gewicht haben und zum Abnehmen beitragen. Durch das Auslösen von Stress und den möglichen resultierenden Effekten ist aber eher anzunehmen, dass Detox-Kuren die Grundlage für den sogenannten Jo-Jo-Effekt legen. Damit ist unklar, ob damit eine langfristige Gewichtsabnahme möglich ist.

Gesundheitliche Risiken von Detox-Kuren

Die Autoren sehen das wesentliche gesundheitliche Risiko von Detox-Kuren in der strengen Energierestriktion und der unzulänglichen Nährstoffversorgung. Grundsätzlich kann extremes Fasten zu Protein- und Vitaminmangel führen, Ungleichgewicht bei den Elektrolyten erzeugen oder Laktatazidose (Übersäuerung durch Anreicherung von Laktat im Blut) auslösen. Zusätzlich besteht die Gefahr Zusatzstoffe, wie z. B. Abführmittel oder Diuretika überzudosieren.

Da die Detox-Industrie nicht ausreichend reguliert ist und nicht überprüfbare Versprechungen gemacht werden, entsteht das Risiko von drastischen Fehlern. So wie etwa bei einem 19-Jährigen, der nach dem Konsum von Methamphetamin mit einer Detox-Kur entgiften wollte, die laut einer Internetseite in seinem Fall empfohlen wird: ein Cocktail aus Tryptophan und Johanniskraut. Er entwickelte daraufhin ein Serotoninsyndrom (autonome, neuromotorische und kognitive Störung).

Detox-Kuren sind ihr Geld nicht wert

Die Autoren schliessen ihren Review mit der Aussage, dass es gegenwärtig keine überzeugenden Belege gibt, die den sinnvollen Einsatz von Detox-Kuren für Gewichtsreduktion oder Entgiftung unterstützen. Angesichts der finanziellen Kosten für den Konsumenten, unbegründeten Behauptungen und potentiellen Gesundheitsrisiken kann man nur von Detox-Kuren abraten.

Meine persönliche Konsequenz

Vermutlich geht es mir nicht anders als vielen anderen auch: ich möchte mich nicht vergiften. Genau da setzt die Detox-Industrie an und kreiert sich ihren eigenen Markt, indem sie die Bedrohung durch Chemikalien vollkommen überbewertet und Angst erzeugt. Gleichzeitig bietet sie das Mittel gegen diese Bedrohung. Leider gibt es keinen Beweis für die tatsächliche Wirksamkeit.

Die Alternative für mich hat zwei Teile:

1. Umweltgifte vermeiden

POPs sind zwischenzeitlich verboten, oder zumindest stark eingeschränkt. Wenn ich mir wegen dieser Stoffgruppe sorgen mache, sollte ich die besonders belasteten Produkte aus der Gruppe der tierischen Nahrungsmittel (Fisch, Fleisch, Milch und Milchprodukte) vermeiden.

Phthalate und Bisphenol A haben eine so geringe Halbwertzeit im Körper, dass eine Entgiftung ohnehin sinnlos ist. Hier kann es nur um Vermeidung gehen, was aber bei der globalen Präsenz dieser Stoffgruppe sehr schwer ist.

Natürliche Allergene und Schimmel wird jeder sowieso meiden, soweit möglich.

Metalle sind in unserer (mitteleuropäischen) Landschaft in der Regel unter den bedenklichen Grenzwerten und stellen damit keine Gefahr dar. Problematisch kann es aber durchaus in anderen Gegenden werden. Ob man sich dem aussetzen mag muss jeder selbst entscheiden.

2. Gewichtsmanagement kommt vom Lebensstil

Ein Lebensstil, der zu einer ausgeglichenen Energiebilanz führt, ist das beste Gewichtsmanagement. Meine Grundregeln dafür sind eine pflanzenbasierte Ernährung und viel Bewegung an der frischen Luft.

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