Bieler Nacht-Ultramarathon 2017 – mein erster Ultra auf der Strasse

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Mal in der Nacht laufen ist sicher ein Erfahrung

Klar, wer Ultradistanzen läuft ist früher oder später damit konfrontiert in der Nacht zu laufen. Bis jetzt musste ich mich dieser Herausforderung noch nie stellen, mal abgesehen von sehr frühen oder späten Trainingseinheiten im Winter. Aber das waren dann eben Trainingseinheiten mit Distanzen von vielleicht maximal 25 km im Dunkeln.

Als ich mir die Bieler Lauftage genauer angesehen habe, haben mich zwei Punkte angesprochen: 1. Das Datum passt bei mir perfekt in den Trainingsplan und 2. es wird ein Nacht-Ultramarathon angeboten, der über die Distanz von 56 km geht und um 22:00 in Biel startet. Die Strecke führt über Strassen und Wege mit ca. 480 Höhenmeter (eigene Messung mit Polar V800) nach Kirchberg. Die Strecke sollte für mich kein Problem bereiten, aber wie reagiert mein Organismus auf einen Lauf in der Nacht? Das ist sicher mal eine Erfahrung wert.

Die Strecke vom 56 km langen Nacht Ultramarathon
Die Strecke vom 56 km langen Nacht Ultramarathon

Also habe ich mich vergleichsweise kurzentschlossen ca. sechs Wochen vor dem Start angemeldet. Nicht zu letzt auch, weil mir Laufkollegen versichert haben, dass „der Bieler“ eine einzigartige Erfahrung sei, hervorragend organisiert, tolle Stimmung und überhaupt muss man mal dort gestartet sein. Ausschlaggebend war dann der ansteckende Enthusiasmus eines Laufamigos (Marc, danke dafür), der den 100er von Biel schon gemacht hat und nun dieses Jahr erneut starten wird. Da kann doch nichts mehr schief gehen 😉

4 x 14 km sind auch 56 km

Meine Trainingsplanung und der Nacht-Ultramarathon passen zeitlich perfekt zusammen. Allerdings trainiere ich mehr auf Höhenmeter und damit intensiver, als es die vergleichsweise flache Strecke von Biel nach Kirchberg erfordern wird. Also lege ich ein paar Einheiten im Flachen ein. 14 km an der Birs von Muttenz nach Arlesheim und zurück. Momentmal! 14 km mal vier sind auch 56 km. Alles halb so wild, ich muss ja nur viermal meine Trainingsstrecke absolvieren, dann hab ich den Nacht-Ultrammarathon.

Gedanklich zerlege ich also den Bieler 56er in vier Einheiten. Mein Ziel: gegen 04:00 im Ziel in Kirchberg ankommen. Locker, wohlgemerkt. Besser noch gegen 03:30. Um das zu erreichen, will ich die erste der vier 14er Etappen mit einem Tempo von 9.5 km/h (Pace von 6:17) laufen und mich dann steigern, also die zweite 14er Etappe mit 10.0 km/h (Pace 6:00) und die dritte mit 10.5 km/h (Pace 5:42). Die letzte Etappe könnte ich mich dann wieder etwas zurück nehmen. So die Idee.

Start in Biel und die ersten 14 km

Meine Startnummer und die Rückenmarkierung
Meine Startnummer und die Rückenmarkierung

Gegen 20:00 erreiche ich mit dem Zug Biel und spaziere in etwa 5 Minuten zum Festgelände. Dort erhalte ich meine Startunterlagen und treffe alte Bekannte. Zum einen Marc, der dieses Jahr den 56er mitlaufen möchte und zum anderen Karel, den ich im Frühjahr bei The Crux kennengelernt habe. Ein weiterer Kollege von Marc gesellt sich ebenfalls in der Vorstartphase zu uns.

Das Wetter verspricht mild und trocken zu bleiben und so freuen wir uns auf einen Lauf mit leichtem Gepäck bei Vollmond. Die Zeit bis zum Start vergeht schnell und die Nacht bricht an. Im Startbereich gehen nach und nach die Stirnlampen an und die Party geht langsam richtig los. Der Moderator gibt einige Infos zu den Teilnehmern durch und begrüsst einige bekannte Starter persönlich.

Interessant für mich ist die Tatsache, dass wohl über tausend Starter auf die 100 km lange Strecke gehen und nur etwas hundertfünfzig die 56 km anstreben. Der Bieler ist eben ein 100er … für mich heute egal, mir reichen die 56 km, die ich gerne locker in etwa sechs Stunden absolvieren möchte. Wir reihen uns im Startblock ein und der Countdown beginnt. Mit dem Startschuss prescht die Meute los und Marc, Karel und ich trotten in gemütlichem Tempo hinterher.

Ultra-Amicos vor dem Start
Ultra-Amigos vor dem Start

Das Schwierigste beim Start ist es, ein langsames Tempo einzuhalten. So schaue ich dauernd auf meine Laufuhr und korrigiere mein Tempo nach unten. 9.5 km/h will ich einhalten. Marc passt dieses Tempo ebenfalls sehr gut, da er sich wohl, ähnlich wie ich im letzten Jahr, eine Plantar Fasciitis oder einen Fersensporn eingefangen hat. Beide wollen wir uns schonen und laufen entsprechend vorsichtig. Für Karel ist dieser Schongang offensichtlich nichts und so ab Kilometer 3 habe ich ihn aus den Augen verloren. Er ist davon gezogen.

Diese ersten Kilometer durch die Bieler Innenstadt sind ein wahres Bad in der Masse. Gefühlt jeder Bieler steht am Strassenrand und feuert die Läufer an, es herrscht eine grandiose Stimmung. Hier wird dann auch langsam das Ausmass des Aufwands der Organisation sichtbar: Der Lauf legt die gesamte Innenstadt lahm, alles ist abgesperrt und die Läufer, sowie wie die Bieler Lauftage werden grossartig zelebriert. Nach diesem phantastischen Einstieg in den Lauf erreichen wir den Stadtrand und es wird ruhiger – und dunkler.

Marc und ich laufen unser Tempo, auf das ich uns immer wieder einbremsen muss. Nun geht es nach Aarberg und in jedem noch so kleinen Ort, den wir durchqueren, herrscht Partystimmung. Man feuert uns an und die Leute jubeln den Läufern zu. Ganz grosse Party im kleinsten Dorf.

Als wir uns Kilometer 14 nähern ziehe ich langsam das Tempo auf 10.0 km/h hoch. Allerdings offenbart sich an einem längeren Gefällestück, dass die Ferse von Marc zur Zeit anderes im Sinn hat. Leider verhindern seine Schmerzen, dass er das Tempo mitgeht und wir verabschieden uns vorläufig, wünschen uns viel Glück und Vergnügen – bis zum Ziel.

Tempo anziehen zwischen Kilometer 14 und 28

Meine Ferse ist soweit ganz gut und ich kann das leicht gesteigerte Tempo gut halten. Mittlerweile geht es auf Mitternacht zu und ich fühle mich wach und frisch. Alles gute  Voraussetzungen. Mental bin ich ja auch nur auf meiner zweiten Trainingsrunde. Auf den kommenden Kilometern laufe ich durch Aarberg und Lyss, passiere einige Verpflegungsposten, die auf der gesamten Strecke ungefähr alle fünf Kilometer eingerichtet sind und bewundere die Ausdauer einiger Partygänger, die auch hier noch am Strassenrand stehen und die Läufer anfeuern.

Viele Anwohner haben Tisch, Stuhl und Grill nach draussen gestellt und lassen es sich mit den Nachbarn gut gehen. Ich laufe an etlichen Gläsern Rotwein vorbei, begnüge mich aber mit Wasser und den typischen Sportgetränken an den Verpflegungsposten. Es geht langsam auf 01:00 zu, aber die angenehme Nacht und der aufklarende Himmel, der den Mond freigibt, setzen Energie in mir frei und halten die aufkommende Müdigkeit im Zaum.

Kilometer 28 bis 42 – Tempo halten

Grossaffoltern liegt bereits hinter mir und ich befinde mich in meiner dritten „Trainingsrunde“. Marc sollte hinter mir laufen, Karel hat sich nach vorn abgesetzt. Mein Tempo versuche ich auf 10.5 km/h anzuziehen, was in Teilen gelingt, aber zunehmend schwerer wird. Immer wieder überhole ich andere Läufer, die die 56er Markierung auf dem Rücken tragen. Besonders an Steigungen, die es in moderater Form immer mal wieder gibt, wird es für viele Teilnehmer offensichtlich zunehmend schwerer den Rhythmus zu halten – viele verfallen ins Gehen. Hier überholen zu können motiviert, bis zu dem nächsten Blick auf die Laufuhr: Ich kann meine Tempovorgabe immer weniger halten. Statt 10.5 km/h liege ich immer öfter bei 10.0 km/h oder darunter.

Dafür habe ich schnell drei Gründe gefunden. Bei etwa Kilometer 35 durchquere ich das Dorf Balm. Es ist kurz vor 02:00 und so überhaupt gar nicht die Zeit, zu der ich für gewöhnlich durch die Gegend renne. Die Party, die Stimmung, die Nachtluft, alles das bringt zwar Energie, kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass mein Organismus eigentlich erwartet zu schlafen. Dazu kommt, dass ich nach dieser Distanz bei jedem längeren Lauf ein Tief habe, wie es auch viele andere Läufer erleben. Und drittens macht sich der Asphalt bemerkbar. Ich laufe gern und viel und gern auch lang, aber selten auf Asphalt. Damit bin ich nur unzureichend auf einen Strassenultra vorbereitet, der mit der Gleichförmigkeit und Härte des Bodenbelags ganz andere Anforderungen an meine Biomechanik stellt, als die Trails, die ich sonst gewohnt bin.

So kommt es, dass ich zwar mein Tempo in etwa halten kann, aber von meiner Idee das Durchschnittstempo anzuheben, muss ich mich hier verabschieden. Immerhin, ich sammle Erfahrung …

Die vierten und letzten 14 Kilometer bis zum Ziel

So wie es sich auf den Kilometern 35 bis 42 für mich bereits abgezeichnet hat, so geht es bis Kilometer 50 weiter. Die Strecke hat hier ein sanftes Gefälle und der Verpflegungsposten in Jegenstorf rettet mich. Wovor? Davor auf der freien Strecke ins Gehen zu verfallen, so wie schon viele andere vor mir. Am Verpflegungsposten „tanke“ ich nochmal Energie. Wer hier ankommt hat etwa 48 km geschafft. Noch 8 km bis Kirchberg. Es ist etwa 03:00 und mein Ziel, gegen 04:00 in Kirchberg zu sein rückt theoretisch in greifbare Nähe. Ich habe noch eine Stunde für 8 km – das muss zu schaffen sein.

Nur 2 Kilometer weiter und ich bin am Gehen. Die kontinuierlichen Schläge auf der harten Strecke haben mein Muskulatur vollkommen überfordert. Die Distanz kann ich laufen, dass weiss ich. Der überwiegend harte Strassenbelag, Asphalt oder Beton, ist etwas, dass meine Biomechanik aus dem Training nicht in diesem Umfang kennt. Und das rächt sich nun. Noch 4 Kilometer bis zum Ziel und ich muss kämpfen. Andere Läufer überholen mich und, dass ist das schöne an dieser Art Läufergemeinschaft, muntern mich auf weiterzulaufen. Das Ziel ist doch so nah. Aber meine Muskulatur ist verhärtet, besonders im Übergang von Lendenwirbel- zum Brustwirbelbereich. Als folge davon kann ich nicht mehr richtig durchatmen. Sobald ich mich aus dem Gehen heraus ins Laufen zwinge spüre ich die Schläge in den Muskeln und die Beklemmung beim Luft holen. Mit 100 m Gehen 400 m Laufen komme ich dem Ziel auch näher.

Noch 2 Kilometer bis zum Ziel und ich passiere den letzten Ortseingang auf dieser Tour. Kirchberg ich komme, Ziel ich komme. Mit 06:06:02 bin ich kurz nach vier Uhr morgens im Ziel und erhalte mein Finisher-Shirt und die  Medaille. Damit werde ich 47. in der Gesamtwertung Herren (von 108), bzw. 13. in der AK-Wertung (von 24).

Finisher-Medallie
Finisher-Medallie
Urkunde
Urkunde

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Karel ist etwa 6 Minuten vor mir angekommen. Er hatte offensichtlich ähnlich mit dem Strassenbelag zu kämpfen wie ich. Beide sind wir froh es geschafft zu haben. Eine SMS informiert mich darüber, das Marc leider bei Kilometer 25 wegen der Schmerzen das Rennen abgebrochen hat.

Mein Fazit

Die Bieler Lauftage sind ein tolles Happening. Die ganze Stadt steht Kopf, die Strecke ist perfekt abgesperrt, gesichert und markieret. Alle 4 – 6 Kilometer steht ein Verpflegungsposten mit dem üblichen Angebot an Wasser, Iso-Getränken, Riegeln, Bananen usw. Der Bieler ist ein Top-organisiertes Event mit einer tollen Stimmung. Ein ganz herzliches Dankeschön gilt all den Helfern, die uns Läufer sicher durch die Nacht gebracht haben.

Ich kann es jedem Ultra-Läufer nur ans Herz legen dort mal zu starten. Aber es muss klar sein, dass es sich um einen Strassen-Ultra handelt. Für mich, der ich fast ausschliesslich auf Trails, im Wald und sonstigen Strecken abseits des Asphalts trainiere, stellt ein solcher Strassen-Ultra eine ganz eigene Herausforderung dar. Ob ich mich der Herausforderung Strassen-Ultra nochmal stellen möchte, weiss ich heute allerdings nicht.

 

 

 

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